Jean Eustache – Filme im August und September
Kaum ein Werk der französischen Filmgeschichte ist so schmal und zugleich so gewichtig wie das von Jean Eustache (1938–1981). Zwischen Nouvelle Vague und deren Erschöpfung stehend, schuf er ein Kino von radikaler Aufrichtigkeit – Filme, die vom Sprechen, Begehren und Scheitern erzählen, ohne je die Zuflucht der Beschönigung zu suchen.
Barrierearm, klimatisiert und stillfreundlich
Die Filme von Jean Eustache – Kinemathek Karlsruhe
im Kino
Originalfassung mit deutschen Untertiteln | (e) engl. UT
Vorstellung mit Einführung/Filmgespräch
Saal Veranstaltung im Saal | Box Veranstaltung in der Box | Foyer Veranstaltung im Foyer | Unterwegs Open Air & andere Orte
Keine passenden Termine.
September/ Sa 5. Heute
Jean Eustache, FR 1977; 50′
Une sale histoire
Jean Eustache, FR 1977; 50′
- Originalfassung mit deutschen Untertiteln
UNE SALE HISTOIRE ist die Geschichte eines Mannes, der von der Existenz eines Lochs in der Tür der Damentoilette eines von ihm frequentierten Cafés erfährt. Anfangs aus Neugierde, später aus einer zwanghaften Faszination heraus, verbringt er seine freie Zeit vor dem Loch. Der Film besteht aus zwei Versionen derselben Geschichte. Für die dokumentarische Fassung hat Eustache seinen Freund Jean-Noël Picq dabei gefilmt, wie er die in der ersten Person Singular gehaltene Geschichte vier eingeladenen Freundinnen vorträgt. In der zweiten Fassung verkörpert der Schauspieler Michael Lonsdale den Ich-Erzähler. Der Film hat drei Hauptmotive: Er ist ein Diskurs über das (männliche) Begehren und über das Geschlechterverhältnis. Er ist zweitens eine Reflexion über das Verhältnis Dokument – Fiktion, und drittens eine exemplarische Veranschaulichung der Macht des Wortes im Film. Die Geschichte erzählt sich ausschließlich kraft Sprache und wird nicht durch Bilder illustriert. Das Publikum bekommt außer dem Erzähler und den Zuhörenden nichts zu sehen – kein Café, keine Toilette und keine Geschlechtsteile. (hjf)
September/ So 6.
Jean Eustache, FR 1966; 50′
Du côté de Robinson / Le père Noël a les yeux bleus
Jean Eustache, FR 1966; 50′
- Originalfassung mit deutschen Untertiteln
DU CÔTE DE ROBINSON: Zwei junge Männer sprechen eine junge Frau an, die auf dem Weg zur Verabredung mit einer Freundin in einem Tanzlokal ist. Die beiden begleiten sie, im Lokal stellt sich allerdings schnell heraus, dass sie nicht tanzen können oder zu genant sind, woraufhin die Frau mehrmals mit einem älteren Herrn tanzt, der sie unablässig auffordert. Enttäuscht und beleidigt beschließen die Freunde, sich zu rächen. Eustaches Debüt ist von den frühen Filmen der Nouvelle Vague inspiriert, bewegt sich jedoch in einem proletarischen Milieu. Der auf 16 mm und mit Laiendarsteller*innen in den Straßen von Paris gedrehte Film beeindruckt durch seine Direktheit und Frische. Die unterlegte Akkordeon-Musik, die Komik des Tanzlokal-Besuchs und der freche Ton machen ihn zum heitersten Film, den Eustache gedreht hat.
LE PÈRE NOEL A LES YEUX BLEUS: Der Mittelteil von Jean Eustaches autobiografischer Trilogie – gebildet zusammen mit LA MAMAN ET LA PUTAIN und MES PETITES AMOUREUSES – setzt sich in einer Mischung aus Komik und Melancholie aus einer Aneinanderreihung von Alltagsfragmenten in der französischen Provinz zusammen: Der arbeitslose Jugendliche Daniel (Jean-Pierre Léaud) möchte sich einen modischen Dufflecoat für den Winter kaufen, wofür ihm jedoch das Geld fehlt. Durch einen Job als Weihnachtsmann, mit dem sich Passant*innen vor dem Kaufhaus fotografieren lassen können, rücken nicht nur der Kauf des Mantels, sondern auch erstmals die Mädchen in greifbare Nähe. Für ein Foto lassen sich alle bereitwillig vom Weihnachtsmann umarmen. (hjf)
September/ Mi 23.
Jean Eustache, FR 1977; 50′
Une sale histoire
Jean Eustache, FR 1977; 50′
- Originalfassung mit deutschen Untertiteln
UNE SALE HISTOIRE ist die Geschichte eines Mannes, der von der Existenz eines Lochs in der Tür der Damentoilette eines von ihm frequentierten Cafés erfährt. Anfangs aus Neugierde, später aus einer zwanghaften Faszination heraus, verbringt er seine freie Zeit vor dem Loch. Der Film besteht aus zwei Versionen derselben Geschichte. Für die dokumentarische Fassung hat Eustache seinen Freund Jean-Noël Picq dabei gefilmt, wie er die in der ersten Person Singular gehaltene Geschichte vier eingeladenen Freundinnen vorträgt. In der zweiten Fassung verkörpert der Schauspieler Michael Lonsdale den Ich-Erzähler. Der Film hat drei Hauptmotive: Er ist ein Diskurs über das (männliche) Begehren und über das Geschlechterverhältnis. Er ist zweitens eine Reflexion über das Verhältnis Dokument – Fiktion, und drittens eine exemplarische Veranschaulichung der Macht des Wortes im Film. Die Geschichte erzählt sich ausschließlich kraft Sprache und wird nicht durch Bilder illustriert. Das Publikum bekommt außer dem Erzähler und den Zuhörenden nichts zu sehen – kein Café, keine Toilette und keine Geschlechtsteile. (hjf)
September/ Sa 26.
Jean Eustache, FR 1977; 50′
Une sale histoire
Jean Eustache, FR 1977; 50′
- Originalfassung mit deutschen Untertiteln
UNE SALE HISTOIRE ist die Geschichte eines Mannes, der von der Existenz eines Lochs in der Tür der Damentoilette eines von ihm frequentierten Cafés erfährt. Anfangs aus Neugierde, später aus einer zwanghaften Faszination heraus, verbringt er seine freie Zeit vor dem Loch. Der Film besteht aus zwei Versionen derselben Geschichte. Für die dokumentarische Fassung hat Eustache seinen Freund Jean-Noël Picq dabei gefilmt, wie er die in der ersten Person Singular gehaltene Geschichte vier eingeladenen Freundinnen vorträgt. In der zweiten Fassung verkörpert der Schauspieler Michael Lonsdale den Ich-Erzähler. Der Film hat drei Hauptmotive: Er ist ein Diskurs über das (männliche) Begehren und über das Geschlechterverhältnis. Er ist zweitens eine Reflexion über das Verhältnis Dokument – Fiktion, und drittens eine exemplarische Veranschaulichung der Macht des Wortes im Film. Die Geschichte erzählt sich ausschließlich kraft Sprache und wird nicht durch Bilder illustriert. Das Publikum bekommt außer dem Erzähler und den Zuhörenden nichts zu sehen – kein Café, keine Toilette und keine Geschlechtsteile. (hjf)
Im August zeigen wir seine beiden langen Spielfilme: La Maman et la Putain (1973), sein monumentales Hauptwerk über eine Ménage-à-trois im Paris nach 1968 – dreieinhalb Stunden Reden als Überlebensform, jahrzehntelang kaum zu sehen und heute restauriert wieder auf der Leinwand. Und Mes petites amoureuses (1974), sein autobiografisch grundiertes Porträt einer Jugend in der französischen Provinz, von zärtlicher Genauigkeit und stiller Grausamkeit zugleich.
Im September setzen wir die Reihe mit drei Kurzfilmen fort: Du côté de Robinson (1964), Eustaches frühes Porträt zweier junger Männer beim Streifzug durch die Pariser Vorstadt, Le Père Noël a les yeux bleus (1966), mit Jean-Pierre Léaud als Jugendlichem, der sich im winterlichen Narbonne als Weihnachtsmann verdingt, und Une sale histoire (1977), sein verstörend-doppelbödiges Spätwerk, das dieselbe obszöne Beichte zweimal erzählt – einmal dokumentarisch, einmal inszeniert – und dabei die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion zum Flirren bringt.