Versuche zum Kino

Die Filme der 60er Jahre

 

Kultureller Umbruch - auf der Leinwand als Kinodebüt. Wann zuvor hatte jemals eine nachfolgende Generation in der Gesellschaft eine derartig avancierte Rolle gespielt? Es war ein Vorstoß der Gegenkultur zunächst, einer der Ästhetik ebenso wie einer der Politik. Letztmalig waren drei Cinéasten-Generationen zur selben Zeit und in Höchstform aktiv; erstmals seit langem gab das US-Kino mit seinen amerikanischen Mythen nicht mehr den Ton an, zumal es sich in der Krise befand. Die Kunstform Kino war vielleicht nie zuvor derart gewagt, innovativ, unverantwortlich (im besten Sinne künstlerischer Freiheit) und verstörend. Zudem ließen sich nun mit Bildern und Tönen aktuelle Fragestellungen, naheliegende Zeitthemen ausdrücken, die von Protest und sozialer Abweichung, von kolonialer Befreiung und dem allmählich einsetzenden politischen Tauwetter handelten, also sehr welthaltig waren.

Das Kino begann, 'sich selbst zu denken', 'sich zu erinnern', Werke der Malerei und Musik zu zitieren, sich und andere zu parodieren. In Anlehnung an die Autorenfilm-Idee, die erstmals Ende der 40er Jahre artikuliert worden war, gelangen Ausblicke aufs Essayistische im Film.

Vor allem aber bildeten die 60er das Jahrzehnt der Debütanten im Alter um die Dreißig -  Neuerer und Cinéasten, die darauf brannten, hinter die Kamera zu kommen. Der Film hatte bereits Boden ans Fernsehen verloren. Das Kino entwickelte mit beinahe jedem neuen Film eine Theorie seiner Elemente. Eine Weile kam man eben nicht mehr dümmer aus einer Kino-Veranstaltung heraus, als man hineingegangen war, wie Adorno es beschrieben haben soll. (nach: European 60s, Filmmuseum Berlin 2002)