Schule des Sehens - Politik des Rhythmus

Was die Kunst-Avantgarden um 1917 verbindet, ist das Projekt eines neuen Sehens. So heterogene Bewegungen wie Kubismus, Suprematismus, Konstruktivismus oder Dadaismus arbeiteten alle an einer Demontage der Formen des Sehens. Die zerstückelte Wirklichkeit sollte im Dienste einer neuen Dimension von Erfahrung re-montiert werden: Schule des Sehens. Das neue Sehen appelliert zugleich an eine Politik des Rhythmus: Es geht um mehr als ein narratives Bebildern der Geschichte. Der Rhythmus des Films und Rhythmus der Revolution interagieren auf vielen Ebenen, indem beide neue Wahrnehmungs- und Handlungsräume erschließen – von neuen Routinen der industrialisierten Arbeit über die geopolitischen Transformationen von Stadt und Land bis zur Kollision historischer Epochen in der Überlagerung des Alten und des Neuen. Die Verwandtschaft zwischen dem neuen Sehen und dem Prinzip der visuellen Montage besteht in der Notwendigkeit, die überlieferten Bruchstücke der alten Welt als Versatzstücke einer neuen Ordnung ins Werk zu setzen. Mit der Konzentration auf Filme, die in der Ukrainischen SSR entstanden sind – produziert durch die ökonomisch und politisch weitgehend autonomen Filmstudios der WUFKU (Allukrainische Foto-und Filmverwaltung) – versucht die Retrospektive sich der politischen Wirksamkeit des neuen Sehens der Avantgarde zu nähern. 

(Elena Vogman)

 

Schule des Sehens - Politik des Rhythmus wurde kuratiert von Elena Vogman in Zusammenarbeit mit Stas Menzelevskyi, Dovzhenko-Zentrum, Kiew.


Vorgestellt in Zusammenarbeit mit dem Badischen Kunstverein im Rahmen der Ausstellung „Die Schule von Kyiv - Klasse Karlsruhe. Lektorin: Alexandra Exter“ (2.10. - 6.12.2015).


Alle Texte: Elena Vogman.