Jarman & Beckett

Künstlerische Einflüsse auf Rebecca Saunders

1993
120
Minuten

Am Donnerstag zeigen wir unter dem Titel Jarman und Beckett – künstlerische Einflüsse auf Rebecca Saunders im Rahmen der ZeitGenuss 2021 Derek Jarmans Blue und ein Kurzfilmprogramm mit Themenbezug Samuel Beckett. Der Eintritt ist frei. Wir bitten um eine vorherige Reservierung (online oder telefonisch unter 0 7 21 / 83 18 95 85 (Mo-Fr ab 18 Uhr).

16:00 – 17:20 Uhr Derek Jarman (1942-1994): Blue (1993)
Ohne Zweifel stellt Derek Jarmans Film „Blue“ eine der großen Herausforderungen der Filmgeschichte dar. Entschlossen setzt der Künstler seiner Krankheit, die ihn langsam erblinden lässt und die unweigerlich zum Tod führt, die nach allen Seiten offene Leinwand entgegen — diese ist blau, und sonst nichts. Über die Tonspur aber, die ein kraftvolles Gedicht aus Geräuschen, Texten und Musik darstellt und aufregende Querbezüge zwischen persönlicher Biografie, Geschichte und aktuellem Geschehen schafft, entwirft der Film seinen eigenen Raum und fordert jeden Zuschauer auf, seinen eigenen, imaginären Film in die sich ergebenden Freiräume zu projizieren.

18:00 – 18:30 Uhr Sara Glojnarić (1991) und Binha Haase (1988): #popfem (2016) Sara Glojnarić und Binha Haase: #popfem 2 (2018) Samuel Beckett (1906-1989): Not I (1977)
(zu Not I, aus werkleitz)
Not I zeigt nichts als einen schwarz umrandeten Mund, der einen unablässigen Gedankenstrom von sich gibt. Überwältigt von der Geschwindigkeit der Erinnerungsblitze und der Dringlichkeit des Sprechbedürfnisses, gibt die Protagonistin, gespielt von Billie Whitelaw, Episoden eines Lebens voller Entbehrungen wieder. Samuel Beckett verfasste Not I 1972, im Jahr darauf wurde das Theaterstück am Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Die 1977 von der BBC unter der Ko-Regie von Anthony Page produzierte Filmfassung strahlte auch der Süddeutsche Rundfunk (SDR) aus, der zwischen 1966 und 1986 einige Fernsehspiele Becketts beauftragte: Meisterwerke der öffentlich-rechtlichen Fernsehgeschichte, deren hoher Kultur- und Bildungsanspruch mit der Privatisierung des Fernsehens sein Ende fand.

Das neunte ZeitGenuss-Festival wird von Rebecca Saunders kuratiert. Rebecca Saunders erhielt 2019 den Internationalen Ernst von Siemens Musikpreis für ein kompositorisches Werk, „das durch seine produktive Widersprüchlichkeit, die Vielfalt klangfarblicher Nuancen und eine unverwechselbare Klangsprache `sichtbare´ und bedeutende Spuren in der Musikgeschichte der Gegenwart hinterlässt“. Rebecca Saunders setzt für ZeitGenuss neben eigene Werke Kompositionen von Georges Aperghis, Iannis Xenakis, Wolfgang Rihm, Carola Bauckholt, Galina Ustwolskaya oder Sara Glojnarić.

Aber auch inspirierende Filme von Derek Jarman, ein Theaterstück von Samuel Beckett, Performances von Marina Abramović und Rebecca Saunders´ Installation Myriad für 2.464 Spieldosen werden zu erleben sein. Myriad wird durch die interaktive Zusammenarbeit der Besucher angetrieben, die ein einzigartiges Klangbild komponieren. Zudem stellen Kompositionsstudierende der Klasse Wolfgang Rihm und Markus Hechtle und des Studiengangs Musikinformatik der Hochschule für Musik Karlsruhe neue Werke vor. Zu den Interpreten zählen das Ensemble Modern und Sarah Maria Sun, das Trio Accanto, die Schlagzeuger Isao Nakamura und Leonie Klein, das Aleph Gitarrenquartett, der Kammerchor der Christuskirche und das Karlsruher Ensemble TEMA, das sich von Anfang an bei ZeitGenuss engagiert.

Die in Berlin lebende britische Komponistin Rebecca Saunders studierte Komposition bei Nigel Osborne in Edinburgh und bei Wolfgang Rihm an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Rihms Chiffre-Zyklus hatte sie so fasziniert, dass sie sich 1991 entschied, bei ihm ihr Studium fortzusetzen, obwohl sie zum Zeitpunkt der Entscheidung kein Deutsch sprach. Während ihrer Karlsruher Studienzeit ging es ihr zunächst vor allem darum, das Farbpotenzial der Töne zu erforschen. Schritt für Schritt entdeckte und formte sie ihre eigene Musiksprache. Im Fokus ihres Werkes liegen die plastischen und räumlichen Eigenschaften von organisierten Klängen. Zudem ist ihr die Zusammenarbeit im Dialog mit verschiedenen Musikern und Künstlern wichtig. Sie notiert in ihren Partituren äußerst präzise, möchte aber dennoch den Interpreten einen möglichst großen Freiraum gewähren. Für ZeitGenuss hat sie viele Werke ausgewählt, die für sie eine besondere Bedeutung haben wie Chiffre IV von Wolfgang Rihm, die Récitations von Georges Aperghis, die sie inspiriert haben, ihre ersten Werke für Stimme zu schreiben, oder die Klaviersonate Nr. 6 von Galina Ustwolskaya, deren Musik sie durch die „Klarheit, unfassbar viel Mut und Direktheit“ beeindruckt hat. Von Konzertbesuchern erwartet sie, „Musik vor allem mit Neugier und Offenheit zu begegnen. – Es ist ja eine Möglichkeit, ein Angebot und auch eine Bereicherung, die Ohren aufzumachen, etwas Neuem zum ersten Mal zu begegnen“.