Andrzej Wajda

Als Martin Scorsese 2014 in den USA und in England das auf seine Initiative hin zustande gekommene Filmprogramm ‚Masterpieces of Polish Cinema‘ präsentierte, befanden sich unter den 24 Filmen der Jahre 1957 bis 1978 allein vier Filme von Andrzej Wajda. Scorsese verwies auf den starken Eindruck, den die von ihm ausgesuchten Filme während seines Filmstudiums an der New York University in den 1960er Jahren hinterlassen hatten und hob Wajdas Asche und Diamant besonders hervor: “When I first saw Ashes And Diamonds, one of the many highlights in this series and arguably one of the greatest films ever made – Polish or otherwise – I was overwhelmed by the film: the masterful direction, the powerful story, the striking visual imagery, and the shocking performance by Zbigniew Cybulski, considered the Polish James Dean, for his electrifying presence. I was so struck by the film, it affected me so deeply, that I paid small homage by giving Charlie (Harvey Keitel) a pair of similar sunglasses in Mean Streets.“

Es fällt auf, dass Scorsese die politische Dimension des Films nicht anspricht. Dabei hat sich Wajda immer als politscher Filmkünstler verstanden, dessen künstlerisches Selbstverständnis nicht von seinem Selbstverständnis als polnischer Patriot zu trennen ist. In unmissverständlichen Worten hat er das 2002 in der Dankesrede bei der Verleihung des Oscar für sein Lebenswerk zum Ausdruck gebracht: “Ich werde meine Rede auf Polnisch halten, da ich das sagen möchte, was ich denke, und ich denke immer auf Polnisch. Die Themen unserer Filme waren die Brutalität des Faschismus und das Unglu?ck, welches der Kommunismus mit sich brachte ...“ In Filmen wie Der Kanal oder Asche und Diamant spürt man die autobiografischen Erfahrungen des 1926 geborenen Wajda, der den deutschen Überfall auf Polen und die Jahre der Besatzung ebenso bewusst miterlebt hatte wie die ‘stalinistische Lähmung‘ der Nachkriegsjahre, die er in Der Mann aus Marmor zum ersten Mal ohne allegorische Verschlüsselungen ansprechen konnte. Allem liegt ein Gefühl der Trauer über das historische Unglück der polnischen Geschichte zugrunde, als Nation über Jahrhunderte hinweg, bis auf eine kurze Phase zwischen den Weltkriegen, nicht in einem eigenen Staat leben zu können: Immer war man fremden Mächten ausgeliefert, erst Preußen, Österreich und Russland, später dann dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion. Die Nachrufe zu Wajdas Tod im Oktober 2016 würdigten ihn als einen der ‚Großen des Weltkinos‘, als ‚Regielegende‘ und ‚iconic film director‘ – um nur einige Überschriften der Nachrufe zu zitieren. Er gilt als einer der bekanntesten Künstler seines Landes überhaupt, als nationaler Chronist. Volker Schlöndorff schrieb in seinem sehr persönlichen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung: “Arbeiter, Adelige, Offiziere, Revolutionäre und immer wieder starke Frauen aus allen Klassen decken das ganze Spektrum der polnischen Gesellschaft und Geschichte ab. Aus der Summe seiner Filme ergibt sich das vielleicht vollständigste, jedenfalls menschlichste Bild, das man sich von Polen machen kann.“ Wajda betonte stets: “Polnische Kinematografie als die Kunst des Kinos wird in polnischer Sprache verfasst und spiegelt eine Wirklichkeit, die nur in dieser Sprache gezeigt werden kann. Das bedeutet, dass wir viele Filme auf Polnisch über polnische Themen brauchen.“

Wajda verteidigte die Unabhängigkeit der Kunst und hielt an seinen Prinzipien fest. Dabei machte er sich durchaus angreifbar als streitbarer Demokrat, so zum Beispiel mit seiner durchaus nicht unumstrittenen Verehrung des Solidarnosz-Führers und späteren Staatspräsidenten Lech Walesa.

 

Als Volker Schlöndorff 1958 in Paris Asche und Diamant zum ersten Mal sah, war er tief beeindruckt: “Als junger Deutscher und Möchtegern-Regisseur war ich zerschmettert. So etwas würden wir nie schaffen. Wir standen einfach auf der falschen Seite der Geschichte. Wir würden nie so wahr sprechen können. So leise und doch mit solcher Wucht.“ Wie in einem Brennglas spiegeln sich in Asche und Diamant Wajdas stilistische und thematische Obsessionen, die sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes filmisches Werk ziehen: Hier wird zum ersten Mal seine Vorliebe für bildstarke Symbole deutlich, wie der mehrmals gespensterhaft auftauchende Schimmel. Oder die berühmte Trinkszene an der Theke einer Hotelbar mit brennenden Wodkagläsern, die wie Grablichter wirken, die der Toten des Warschauer Aufstands gedenken. Oder die Polonaise im Morgengrauen mit den sich in zeitlupenartiger Trance bewegenden Tänzern: Gespenster einer neuen Zeit, die nichts Gutes verheißt. In Die Hochzeit, einem der rätselhaftesten Filme Wajdas, begegnen wir der Polonaise wieder: Diesmal entstammen die Gespenster einer polnischen Vergangenheit, die damals, 1973, keine Zukunft zu haben schien.

 

Die meisten Filme Wajdas zeichnet etwas Ruheloses, Rastloses aus, ihre Protagonisten sind oft Getriebene, so wie die Filmhochschulstudentin Agnieszka im Mann aus Marmor, der Krystyna Janda eine unvergessliche Präsenz verleiht, oder der Schauspieler Daniel, verkörpert von Wajdas langjährigem Hauptdarsteller Daniel Olbrychski, der in Alles zu verkaufen noch einmal die Erinnerung an den charismatischen Zbigniew Cybulski aus Asche und Diamant beschwört. Es gibt in Wajdas Werk aber auch Momente der Ruhe, der Ungezwungenheit jenseits der bedrängenden nationalen Schicksalsfragen wie in Die unschuldigen Zauberer und in Die Mädchen von Wilko, einem Meisterwerk lyrisch gestimmter Melancholie. (Ernst Schreckenberg)

 

Die Retrospektive umfasst acht Filme aus den Jahren 1957-1979, sie ist vom 2. September bis zum 9. Dezember zu sehen.

 

Mit drei Filmen aus den späten 1970er Jahren beenden wir unsere große Retrospektive zum polnischen Regisseur Andrzej Wajda, welcher im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren verstarb.

 

In Zusammenarbeit mit Kadr Film Studio Warschau, Zebra Film Studio Warschau, Polonia-Forum Polnischer Kultur Karlsruhe und mit Unterstützung des Filmmuseum München.

 

Filme & Spielzeiten

Mi, 06. Dezember
21:15
Sa, 09. Dezember
19:00
Sa, 25. November
19:00