Kaleidoscope

Deutschland 2015, Telemach Wiesinger
16mm/Digital, 82 Min.

 

 

KALEIDOSCOPE ist ein Film-Poem in 21 Kapiteln, mit dem Telemach Wiesinger an seinen früheren Film PASSAGE (2008) anknüpft. Die Bilder für den Langfilm wurden während zahlreicher Fahrten durch Europa und Nordamerika auf 16mm Schwarzweiß-Film aufgezeichnet.

Die zu abstrahierten Travelogues komponierten einzelnen Filmsequenzen zeigen Stationen menschlichen Unterwegsseins, Beobachtens und Entdeckens – oder auch Strandens. Vielfältige Verkehrsmittel, Straßenzüge und Schilder stehen für eine Welt, die immer in Bewegung ist.

Der Filmtitel „Kaleidoscope“ bedeutet aus dem Griechischen übertragen etwa „schöne Formen sehen“ (kaló = schön, eidos = Form, Gestalt und skopéin = schauen, sehen, betrachten).

Tatsächlich sind es viele betrachtenswerte Schauplätze, die in den komponierten Filmbildern wie im Kaleidoskop-Spiegel reflektieren: die vielfältigen Strukturen bewegten Wassers etwa oder der Ingenieurkunst, wie man sie noch bei Schwebefähren und Stahlbrücken findet. Oft ist es auch Skurriles, das den Filmographen am Wegesrand zum Lachen brachte oder nachdenklich machte.

Aus enger Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten Alexander Grebtschenko resultiert der Ton zum Film, bestehend aus zeitgenössischen Musikstücken von Adrian Belew, Hayden Chisholm, Laurent de Wilde / Otisto 23, Andreas Gogol, Jojo Mayer, Gert-Jan Prins, Tobias Schwab, Gregory Taylor. (Thomas Spiegelmann)


Zur Vorführung ist Telemach Wiesinger anwesend.




 

Interview mit Thomas Spiegelmann

 

Erste Frage – wie kam es zu dem Titel „KALEIDOSCOPE“?

 

Telemach Wiesinger: Das ursprünglich griechische Wort bedeutet übersetzt etwa „schöne Formen sehen“. Für mich sind es tatsächlich sehenswerte Orte, die sich in meinen Filmsequenzen widerspiegeln. Und auch das Kaleidoskop abstrahiert ja „Realität“ - so wie ich es mit der filmischen Abbildung und durch das Zusammenspiel der vielen, vielen Schauplätze in den 21 Kapiteln tue.

 

Was zeigen denn diese Filmbilder?

 

Ingenieurkunst zum Staunen, wie man sie noch bei beweglichen Stahlbrücken oder alten Schwebefähren über Flüsse findet. Auch faszinierende Strukturen und Rhythmen - wie die von bewegtem Wasser. Dazu kommt noch manch skurrile Schönheit, die mir am Wegesrand beim Reisen auf- und gefiel.

 

Spiegeln sich denn auch Menschen im KALEIDOSCOPE?

 

Ja, spätestens der Zuschauer. Meine Hauptdarsteller sind ein Nebelhorn, eine Windhose, zwei Zapfsäulen, drei Riesenräder, fünf Flugzeuge, acht Propeller, 13 Kräne, 21 Flaggen, vierunddreißig Brücken und neunundachtzig Schiffe. Des Weiteren eine Brille, ein Regenschirm, ein Vollmond und ein Hubschrauber und zudem Bahnhöfe, Züge, Schornsteine, Schleusen, Plakatwände, Seilbahnen, Räder, Telephonzellen, Tunnel ... Als Nebendarsteller gibt es aber auch Lebewesen: drei Haie und tatsächlich einige Menschen.

 

Andere Ihrer Filme zeigen den Menschen auch kaum direkt, sondern mittels seiner technischen Erfindungen. Gibt es konzeptionelle Unterschiede, zum vergleichbaren PASSAGE von 2008?

 

Für beide Filme habe ich auf Reisen durch Europa und Nordamerika über mehrere Jahre hinweg unterwegs Bilder aufgezeichnet, und beide Male handelt es sich um Schauplätze, die sich auf dynamische Zustände beziehen: Transportmittel, Fahrten, verschwindende Dinge, zeitbedingten Wandel - also Übergänge verschiedenster Art. In KALEIDOSKOP, als Weiterführung des nur halbstündigen PASSAGE, habe ich dieses Kompositionsmaterial jedoch differenzierter verwendet.

 

In welcher Hinsicht?

 

In "KALEIDOSCOPE“ habe ich diese Zutaten in jeweils in eine jeweils andersartige Kapitelstruktur verwoben, wie es der größere Zeitbogen eines Langfilmes erfordert.

 

Was sind Ihre Gründe, am 16-mm Film und Schwarz-Weiß Material festzuhalten? Bietet die Videobearbeitung, zudem mit Farbe, nicht viel mehr gestalterische Möglichkeiten?

 

Zum einen entspricht mir die Arbeit mit der analogen Bildaufzeichnung und mit physischem Filmmaterial, zum anderen hat der 16-mm Film durch seine Wesensmerkmale eine Sprache, die zu meinen Themen und auch zu meinen in schwarz/weiß gestalteten Vorstellungen passt. Und eine sichtbare Silberkornstruktur auf der Leinwand gehört für mich ebenso dazu. Die von Digitalkameras und Computerprogrammen servierten Funktionen – so mein bisheriges Erleben - tragen zur Umsetzung meiner Ideen nichts bei.

 

Ihre Gestaltungsmittel?

 

Die vollmechanische BOLEX Kamera mit regelbarer Laufgeschwindigkeit, zwei Weitwinkelobjektive und Filter zur Kontraststeuerung. Federwerksbedingt betrugen die Szenenlängen etwa 5 Meter. Am Schneidetisch - mit Messer und Klebeband - stellte ich dann zwischen den Sequenzen kalkulierte Bezüge unterschiedlicher Art her. Die Verknüpfungen überspringen räumliche und zeitliche Distanzen - wie man es ja auch als Reisender erlebt. Bei dieser Arbeit habe ich mich gefühlt wie ein Memory- oder ein Puzzlespieler. Die Analogie zum Kombinationsspiel kommt daher, dass ich für die Ordnung meiner vierhundert Bilderstreifen mit Szenenbildern auf Diapositiven und einem großen Leuchtpult arbeitete. Und eine Puzzlearbeit war es tatsächlich, bis alle die ausgewählten Filmteile wirklich zueinander passten. Und wer im Publikum das „missing piece“ findet, der hat gewonnen …

 

Gibt es beim Filmschnitt von "KALEIDOSCOPE" irgendeine Systematik?

 

Ja, es gibt tatsächlich eine "Spielregel". Die unterschiedliche Kürzung der einzelnen Sequenzen steht in einem exakt festgelegten mathematischem Längenverhältnis zueinander. Die Kombination der Schauplätze und Szenen folgt thematischen Ordnungen: der des erzählerischen Inhaltes, aber auch der der Bildkompositionen, Bewegungen und innewohnenden Rhythmen. Natürlich ist die Montage auch das Resultat meiner Intuition und Phantasie, die ich in Einklang mit der fragmentarisch gefilmten Außenwelt in eine fortlaufende Bildererzählung führen möchte – in ein Epos ohne Worte oder eben ein „Film Poem“.

 

Kommt man da als Betrachter mit – so ganz ohne Worte?

 

Zugegeben - das ein oder andere Hinweis- oder Verkehrsschild kommt schon zu Wort. Auch habe ich zu den assoziativ verknüpften Bildkapiteln Zwischentitel gestellt: Begriffe wie z.B. „Transit“ oder „Amplitude“ und Zeichen, die weitere Gedankenspiele eröffnen. So entstehen im Betrachter innere Geschichten, die diese Bilder in unterschiedliche Beziehung zueinander und zur Jetztwelt setzen. Alexander Grebtschenko, mit dem ich für die Tonspur zusammengearbeitet habe, konstatierte bei der ersten Sichtung: "Du spielst mit offenen Karten und gewinnst trotzdem..."

 

Ton, Musik? Wie ist da das Konzept?

 

Der Grundgedanke ist, Musik und Klangmaterial genauso zusammen zu führen wie die Bilder. Also keine illustrierende Vertonung, sondern ein paralleles und interagierendes Spiel. Der Titel KALEIDOSCOPE passt auch zur Tonebene sehr gut. Verschiedene Klangfarben und Rhythmen zirkulieren und schwirren um meine Bilderwelt... Alexander Grebtschenko hat dazu von mir vorgeschlagene zeitgenössische Musikstücke von Adrian Belew, Hayden Chisholm, Laurent de Wilde / Otisto 23, Andreas Gogol, Jojo Mayer, Gert-Jan Prins, Tobias Schwab, Gregory Taylor mit seinen eigenen Klangvorstellungen verwoben.

 

Und, wie geht es weiter?

 

Frühe Filme von mir - wie "PATENT", "YANN DANIELs ZEIT DER KIRSCHEN" oder auch "BLEU & NOIR" hatten menschliche Hauptdarsteller. Es ist gut möglich, dass sich eine Geschichte bald wieder entlang einer Hauptfigur entwickelt. Ausschließen möchte ich aber, dass gesprochen wird!

 

Ein Stummfilm also ?

 

Es ist tatsächlich so, dass mich immer wieder der Prüfstand interessiert, wie meine Bilder mit und ohne Ton „funktionieren“. Die Frage verfolgt mich geradezu. Mich interessiert das Spannungsfeld zwischen selektiver und assoziativer Wahrnehmung. Für "LANDED" habe ich selbst Geräuschaufnahmen gesammelt und zu örtlich nicht dazugehörigen Schauplätzen montiert. Aber richtig stumm können meine Filme eigentlich nicht sein. Man sollte wenigstens, wenn auch leise, den Filmprojektor zu hören bekommen.

 

Das Gespräch vor der Uraufführung führte Thomas Spiegelmann, Filmenthusiast