Accattone

Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß
Italien 1961, Pier Paolo Pasolini
Digital, 117 Min., dt. Untertitel, mit Franco Citti, Franca Pasut, Paola Guidi, Silvana Corsini.

 

 

Der Gelegenheitsgauner und Zuhälter Vittorio wird von allen nur Accattone genannt, was soviel wie Bettler oder Schmarotzer bedeutet. Er gehört zum Subproletariat, das in den verarmten Vorstädten Roms weitgehend sich selbst überlassen ist. Von seiner Frau und dem gemeinsamen Kind hat er sich getrennt und lebt mit Magdalena zusammen, die als Prostituierte für ihn arbeitet. Als sie ins Gefängnis kommt, versucht Accattone zu seiner Familie zurückzukehren, wird dort aber rabiat abgewiesen. Da verliebt er sich zum ersten Mal aufrichtig in ein Mädchen und möchte sogar anständig werden.

Schon zum Vorspann dieser elenden Leidensgeschichte ertönt der Schlusschor aus Bachs 'Matthäus-Passion'. Das Drama ist, ehe es beginnt, beschlossene Sache. Ein Zuhälter stirbt. Kein Hinterbliebener weint. Kann das Gewöhnliche schön sein? Pasolini scherte sich nie um Fragen ästhetischer Scholastik. Er verletzte die guten Sitten des Genres, die sich stets besser du?nkten als die schlechten Manieren des Stoffes. Er respektierte keine Grenzen, er verletzte sie und jene, die sie achteten. Bach zum Barackenmilieu und Dante-Verse im Munde der Vorstadt beschwören nicht die schneidige Enteignung von Kultur, sondern die Aneignung des Anspruchs, wo auch immer: unter Menschenbru?dern zu handeln. Pasolinis Pathos besteht darin, nicht dem pittoresk Vertrauten Bestätigung im Bild zu geben, sondern dem schroff Unvertrauten die aberkannte Achtung wiederzugewinnen. (Karsten Witte)