D‘Est

Aus dem Osten
Frankreich/Belgien 1993, Chantal Akerman
16mm, 115 Min., ohne Dialog

 

 

Chantal Akermans essayistischer Reisefilm D'EST beginnt programmatisch mit dem Bild einer mehrspurigen Autobahn im Regen. Vom Osten Deutschlands fährt sie über Polen und die Ukraine nach Moskau. Sie filmt Landschaften entlang der Straße, fängt den Wechsel der Jahreszeiten ein, vom ostdeutschen Spätsommer über den ukrainischen Herbst zum Moskauer Winter. Orts- und Zeitangaben fehlen, lassen sich nur erahnen anhand von Werbetafeln oder im Vorbeifahren aufgeschnappten Sprachfetzen. Von Zeit zu Zeit hält sie inne und zeigt Menschen in Wohnzimmer und Küchenstuben, bei der Arbeit auf dem Feld, vor allem aber beim Warten. An Bushaltestellen, in Bahnhofhallen und vor Telefonzellen stehen und sitzen Menschen, schwer bepackt mit Koffern, Taschen und Bündeln. Akermans filmische Reise in den im Produktionsjahr 1992 gerade erst geöffneten europäischen Osten ist eine sehr persönliche Fahrt ins geografische wie auch ins historische Unbekannte. Auf der Suche nach Bildern des „fremden“ Ostens und auf den Spuren ihrer jüdischen Mutter, die in Polen geboren wurde, Auschwitz überlebte und nach ihrer Befreiung ins belgische Exil ging, findet die Regisseurin scheinbar zufällig Momente, die sich mit dem kollektiven Bildgedächtnis des Holocaust kurzschließen und allein durch ihren konzentrierten, ruhigen Blick auf die Gegenwart, ein Portal zur Vergangenheit öffnen. (nach: Uli Ziemons, Asynchron, 2015)